Chronik

1222-2002 780 Jahre Groß Oesingen

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Auf der Suche nach dem Namensgeber für Oesingen stoßen wir 1222 auf Herwicus de (von) Oesing, der am Fürstenhof in Celle als Zeuge auftritt. Im Jahre 1225 wird Herwicus de Oesing wieder erwähnt, und diesmal mit dem Zusatz „militis“. Dieses Wort bedeutet, daß es Dienstmannen waren, die sich zum Waffendienst verpflichtet hatten. Als Lohn für ihren Dienst bekamen sie Grund und Boden als Lehen, dazu Zehnteinkünfte aus ihnen zugesprochenen Dörfern. Die Herren von Oesingen hatten um 1250 die Zehnteinkünfte aus Oesingen, Lüsche, Räderloh, Hohnhorst und Klein Hehlen. 1291 ist dann die letzte Erwähnung des Henrius de Oesing.

Im Jahre 1306 belehnt der Dompropst zu Hildesheim die Gebrüder Heinrich und Anno von Heimburg mit den Einkünften der Höfe in Oesingen, Lüsche, Räderloh, Hohnhorst und Klein Hehlen. Ferner erhalten sie das Patronatsrecht über die Kirche zu Oesingen. Stammsitz der Herren von Heimburg war die Heimburg im Harz, diese mussten sie nach Auseinandersetzungen verlassen und kamen an den Fürstenhof nach Celle.
Wie lange die Herren von Heimburg die Lehnsrechte innehatten, läßt sich nicht genau feststellen. Im Jahre 1480 belehnt der Herzog Heinrich von Braunschweig die Herren von Mahrenholz mit dem Kirchspiel Oesingen und überträgt ihnen auch das Patronatsrecht über die Kirche. Den Herren von Mahrenholz verdankt Oesingen die Einrichtung einer „Armenschule“.

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Als letzter Zehntherr von Oesingen tritt die Familie Thies – selbst sesshaft in Oesingen – in Erscheinung. Am 2.12.1782 kauft der Gastwirt Hartwig Thies das Zehntrecht von Oesingen von der Bischöflichen Kirche zu Hildesheim. Das Zehntrecht für Oesingen endet am 30.10.1839 per Gesetz. Die Familie Thies wurde mit dem 25-fachigen Jahresertrag abgefunden. Jeder Bauer hatte die Möglichkeit, die Ablösumme bei der Landeskreditanstalt Hannover anzuleihen, um danach frei zu sein.

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1852 wurde in Oesingen die Verkoppelung durchgeführt, die landwirtschaftlichen Fläschen wurden zusammengelegt und den einzelnen Höfen zugeordnet. Bis dahin hatte man Streifenfluren bearbeitet, die 9-12 m breit waren. Zuletzt wurde die „Gemeinheit“ – Weideflächen für Schafe und Rindvieh – aufgeteilt. So wurde der Grundstein für ertragsfähige Höfe gelegt. Der Wohnplatz der Herren von Oesingen ist nicht mehr genau festzustellen. Er könnte nördlich von Oesingen gelegen haben, und zwar am Ende des Böttelweges, südlich der Wiehe am Steinkamp. Dafür spricht, daß dort im Jahre 1346 noch eine feste Kemenade stand (Burgfried, Turm, Teil einer Wehranlage) die Otto von Mahrenholz abbrechen will, wenn Herzog Otto von Braunschweig es verlangt. Die Ortschaft Oesingen wurde um einen Teich mit Dorfanger in Hufeisenform angelegt. Acht Vollhöfe und vier Halbhöfe gruppieren sich um diese Wasserstelle. Am südlichen Rande, an der offenen Stelle des Hufeisens, wird die Kirche errichtet. Fast alle Wohnhäuser, die als zweiständerige niedersächsische Hallenhäuser errichtet sind, liegen in Nord-Süd-Richtung, wobei die große Deelentür im Süden und der Wohnteil im Norden ist. Mensch und Tier leben unter einem Dach. Durch das Kontributsregister von 1489 – Herzog Friedrich von Lüneburg forderte eine Sondersteuer und ließ alle Hofstellen veranlagen – sind uns die damaligen Hofbesitzer bekannt. Erst um 1780 durfte der Ort erweitert werden, es entstanden die Brinksitzerstellen (Brink bedeutet: am Rande). Die Lehnsherren hatten Sorge, daß sich eine größere Bevölkerung nicht ernähren könnte. Darum wurde einer weiteren Besiedlung nicht stattgegeben.

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Oesingen wurde in der Vorzeit von mehreren großen Bränden betroffen. Wenn damals ein Feuer ausbrach, so hatte das meistens verheerende Folgen. Alle Häuser waren mit Stroh gedeckt, und durch Funkenflug waren alle Nachbargebäude sofort bedroht. Eine große Brandkatastrophe ereilte Oesingen im Mai 1631. Einige Jungs hatten mit Feuer gespielt und am Abend war fast der ganze Ort niedergebrannt. Die Kirche blieb verschont, aber das Pfarrhaus brannte nieder und auch die Oesinger Kirchenbücher verbrannten.

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In Oesingen gab es seit 1619 zwei Schulen. Gebhard von Mahrenholz stiftete am 16.11.1619 eine Schule für 20 Kinder, deren Eltern das Schulgeld nicht aufbringen konnten. Diese Schule hatte im Volksmund die Bezeichnung „Armenschule“ und wurde bis 1866 betrieben. Als zweite Schule gab es die Küsterschule, die 1631 ein Raub der Flammen wurde. wann sie neu erbaut wurde, ist nicht genau festzustellen. Der erste bekannte Lehrer an der Küsterschule war Moritz Thies, der von 1660 bis 1670 unterrichtete. Der bekannteste Lehrer an der Küsterschule war Heinrich Dierks. Er unterrichtete von 1818 bis 1883 – insgesamt 65 Jahre – in Oesingen und starb 1887 im Alter von 93 Jahren. Im Jahre 1936/37 wurde ein neues Schulgebäude errichtet. Die alten Schulklassen wurden aufgegeben. In den 50er Jahren erweiterte man das Schulgebäude. Bis Ende der 70er Jahre bestand die Schule als Volks- bzw. Grund- und Hauptschule. Heute ist hier die Grundschule mit den ersten 4 Schuljahrgängen untergebracht.

Die Landwirtschaft um Oesingen wurde durch weite Heidefläschen geprägt. Um 1600 fand sich in dieser Region kaum noch Wald, da die Lüneburger Salzsiedereien einen sehr großen Brennholzbedarf hatten. So ergab es sich zwangsläufig, daß man Heidschnucken in großer Zahl  hielt, die diese Fläschen beweideten. Die  Heidschnucke  ist eine genügsame Schafrasse, die mitschafstall dem Heidekraut als Nahrung zufrieden ist. Jeder Hof unterhielt eine große Herde, die von einem Schäfer betreut wurde. Rund um Oesingen standen die großen Schaffställe. Ihr Aussehen war besonders auffällig. Die Dachtraufen reichten bis kurz über den Boden.

bienenDie Heidschnuckenzucht ging um 1900 zu Ende, Importwolle machte die Zucht unretabel. Einher mit der Heidschnuckenzucht ging die Bienenzucht. Jeder Hof hatte 60 bis 80 Bienenvölker, die Bienenzäune (Immelaacht), wo die Völker untergebracht waren, lagen draußen – in der weiten Flur verteilt – rund um Oesingen. Die Heidschnucken sorgten zum einen durch ihren Verbiss dafür, daß sich die Heide ständig verjüngte, während die Blüte reiche Tracht brachte. Zum anderen wurden die Tiere während der Blüte durch die Heide getrieben, um die Spinnennetze zu zerstören, in denen sich sonst die fleißigen Arbeitsbienen verfangen hätten. Die Bienenvölker wurden in Körben gehalten, die aus Bentgras und Weidenruten hergestellt wurden, verstrichen waren sie mit Kuhdung. Mit der Schafzucht endete auch die Bienenzucht. Gleichzeitig wurde auf Äckern Landwirtschaft betrieben. Man baute als Hauptfrucht Winterroggen an. Die zweite Frucht war der Buchweizen (eine Knöterichart), der damals die Hauptnahrung der hier lebenden Menschen darstellte. Die kleinen dreieckig schwarzen Körner wurden getrocknet, von ihren Hülsen befreit und zu Grütze und Mehl verarbeitet. Die Grütze wurde in Milch oder Wasser gekocht und zu jeder Tageszeit gegessen. Das Buchweizenmehl mit Roggenmehl gemischt backte man zu einem besonderen Brot. Hafer wuchs nur auf guten Standorten und wurde wenig angebaut. Kartoffeln kannte man noch nicht. In den Gärten baute man verschiedene Kohlarten und Steckrüben an. In der heutigen Zeit ist kaum vorstellbar, daß die Menschen auf so bescheidene Weise leben konnten.

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Im Jahre 1815 wurde die Straße Braunschweig – Gifhorn – Lüneburg (B4) neu trassiert und gebaut auf der heutigen Route mit Brücke über das Schwarzwasser bei Wichelnförth. Vorher ging die Wegstrecke über trockene Standorte, man mied die Moore und legte Furten durch die Heidebäche an. Die Zuwegung von Gifhorn nach Oesingen erfolgte über die heutige Wahrenholzer Straße. Früher war hier ein Steindamm, erwähnt 1722 bei einem Prozess vor dem Amt Gifhorn zwischen Posthalter Thies und der Gemeinde Groß Oesingen. Der Steindamm wurde 1815 abgebrochen und zu Fundamentsteine verwandt. Der Bau einer festen Straße von Gifhorn her und einer festen Brücke über das Schwarzwasser hatte zur Folge, daß sich der Frachtverkehr stark ausdehnte und die pferdebespannten Planwagen über Oesingen fuhren. der Gastwirt Thies hielt Stallungen für die Pferde bereit und Unterstellmöglichkeiten für die Frachtwagen. So wurde dieses Angebot gern als Ausspann und Übernachtung genutzt. Auch die Oesinger Einwohnerschaft zog ihren Nutzen aus dem regen Frachtverkehr, war er doch die einzige Möglichkeit, etwas aus der weiten Welt zu erfahren. Zweite und dritte Bauernsöhne aus Oesingen verdingten sich als Fuhrleute. Der Frachtverkehr nahm ein jähes Ende, als am 15. August 1904 die Eisenbahnstrecke Celle-Wittingen in Betrieb genommen wurde. Von nun an übernahm die Bahn zu viel günstigeren und schnelleren Konditionen den Frachtdienst. Für die Landwirtschaft wirkte sich die Bahnverbindung sehr segensreich aus. Oesingen bekam einen Bahnhof – er lag 4km nördlich des

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Ortes – war aber durch die feste Straße (B4) gut zu erreichen. Die Bauern konnten jetzt den Kalkmergel in großen Mengen auf Güterwagen heranschaffen lassen und den mageren Heideböden zuführen. Auch Mineraldünger wurde jetzt per Bahn angeliefert und konnte vermehrt eingesetzt werden. Heute wird die Bahnstrecke nur noch wenig genutzt, der steigende LKW-Verkehr machte sie unretabel. In den fünfziger Jahren wurde die Straße Braunschweig – Lüneburg (B4) zu einer breiten Fernstraße ausgebaut. In Spitzenzeiten durchqueren 6000 Fahrzeuge täglich unseren Ort.

Von der Jahrjundertwende bis Mitte der dreißiger Jahre war kaum eine Erweiterung des Ortes zu verzeichnen. Der zweite Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen unterbrach die Entwicklung des Ortes. Die Folgen des Krieges machten sich auch in Oesingen bemerkbar. Alle gesunden Männer bis zum Alter von 40 Jahren wurden zur Wehrmacht eingezogen und viele kehrten nicht zurück. Die Arbeit auf den Bauernhöfen verrichteten Fremdarbeiter. 1943 mußten die ersten Bombengeschädigten aufgenommen werden, Menschen, die ihre Wohnung in Hannover oder Braunschweig verloren hatten. In den ersten Monaten des Jahres 1945 mußte die Bevölkerung von Ostpreußen, Westpreußen, Pommern und Schlesien ihre Heimat verlassen. Viele von ihnen kamen auch in unsere Region und baten um Aufnahme: In Oesingen wurde jeder freie Wohnraum zur Verfügung gestellt, um die vielen Menschen, die ihre Heimat verloren hatten, unterzubringen. Die Einwohnerzahl hatte sich dadurch fast verdoppelt. Nach der Währungsreform im Jahre 1948 normalisierte sich das Leben langsam wieder. Die derzeitige Einwohnerzahl hat knapp die 2000 erreicht und wird wohl weiter steigen.